Ist der Islam ursprünglich eine Version des Christentums?

Alfred Hackensberger 23.03.2008

Islamwissenschaftler Karl-Heinz Ohlig über die Frühgeschichte des Islam

In den letzten Jahren meldeten sich Islamwissenschaftler, Philologen und Historiker zu Wort, die historisch-kritisch die Geschichte des Islams untersuchen. Zu ihnen gehört Professor Karl-Heinz Ohlig von der Universität Saarland. In einem zweiteiligen Interview spricht der deutsche Religionswissenschaftler über seine Forschungsergebnisse, die die Frühgeschichte des Islam in einem vollkommen neuen Licht zeigen.

Eines Ihrer Bücher zur frühen Geschichte des Islam trägt den Titel „Die Dunklen Anfänge“. Was ist denn dunkel an der Entstehung des Islam, die man doch in jedem bekannten Lexikon detailliert nachlesen kann?

Karl-Heinz Ohlig: Schon Ignaz Goldziher, einer der „Väter“ der Islamwissenschaft, hat in einem Vortrag im Jahr 1900 an der Sorbonne davon gesprochen, dass diese Anfänge recht ungeklärt sind. Tatsächlich bietet der Koran keinerlei biographisches Material zu Mohammed. Nur vier Mal kommt dieser Begriff vor, und nur an einer Stelle ist mit Sicherheit damit ein arabischer Prophet gemeint – wahrscheinlich eine recht späte Versgruppe. Mekka wird nur einmal, ohne irgendeinen Zusammenhang, erwähnt, Medina („Stadt“) dreimal, wobei unklar ist, ob nicht einfach „Stadt“ zu verstehen oder ob das spätere Medina („Stadt [des Propheten]“) gemeint ist. Auch sonst gibt es keine Hinweise auf die Arabische Halbinsel. So sind alle „Informationen“ zu den Anfängen des Islam erst späteren Texten entnommen: „Biographien“, die im 9. und 10. Jh. aufgeschrieben wurden. Aus einem dieser Texte, den „Annalen“ des at-Tabari (10. Jh.) stammen auch die Schilderungen der weiteren Geschichte. So fehlen für die ersten zwei Jahrhunderte zeitgenössische Texte, auf die man sich stützen könnte.

Die Geschichte des Islam wurde also 150 bis 200 Jahre nach dem Tod von Propheten Mohammed (632 n. Chr.) aufgeschrieben. Warum wurde erst so spät mit der Niederschrift einer islamischen Geschichte begonnen?

Karl-Heinz Ohlig: Wahrscheinlich konnte man erst ein Leben Mohammeds und weitere Abläufe beschreiben, nachdem sich diese Vorstellungen über die Anfänge herausgebildet hatten, ansatzweise nicht vor der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, und sich der Islam als eigenständige Religion des arabischen Reichs ausgebildet hatte. In Analogie zum Vorgehen des [extern] Pentateuch, der die Anfänge der Jahwereligion in die Moseszeit verlegt, hat man nun einen großartigen und kohärenten Anfangsmythos entworfen.

Können die Aufzeichnungen nach einer Zeitspanne von ein, zwei Jahrhunderten noch genau sein? Ist die islamische Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts nicht notgedrungen ein Sammelsurium von Halbwahrheiten, das man nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht sogar als eine Fälschung bezeichnen müsste?

Karl-Heinz Ohlig: Diesen Entwurf als Fälschung zu bezeichnen, ist – ebenso wie bei den Büchern Mose oder der Romulus-Remus-Erzählung – falsch, weil dabei die literarischen Gattungen nicht berücksichtigt werden. Religiös-politische Gründungsmythen sind keine Geschichtsschreibung, und wollen dies auch nicht sein.

Aber sind es nicht genau diese „religiös-politische Gründungsmythen“, die heute unter vielen Muslimen für real gehalten werden? Selbst in der Fachliteratur zur Islamgeschichte wird die tradierte Version nicht in Frage gestellt.

Karl-Heinz Ohlig: Gründungsmythen haben die Funktion, durch Rückgriff auf eingängige narrative Traditionen Identität zu stiften. In vorkritischen Gesellschaften werden sie selbstverständlich für real gehalten. Davon unabhängig aber fragt historisches Denken nach den tatsächlichen Abläufen. Dies ist auch in der Islamwissenschaft in Gang gekommen, wenn auch reichlich spät. So vertritt z.B. die in Amerika lehrende Islamwissenschaftlerin [extern] Patricia Crone die These, die Anfänge des Islam seien nicht auf der Arabischen Halbinsel zu suchen. Die Gestalt Mohammed hält sie aber für historisch, seltsamerweise nicht auf Grund muslimischer, sondern christlicher Texte. Bei letzteren erweisen sich allerdings die sehr seltenen Erwähnungen eines Mohammed als Jahrhunderte spätere Interpolationen von Abschreibern in ältere Texte, die von ihm nichts wussten.

Welche Rolle spielen die [extern] Hadithe, die ü[extern] berlieferte Lebensgeschichte und Aussprüche des Propheten Mohammeds? Sie wurden ebenfalls über ein Jahrhundert lang mündlich von Erzähler zu Erzähler weiter vermittelt, schließlich gesammelt und niedergeschrieben. Wie zuverlässig sind die Überliefererketten? …weiterlesen

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