I am Legend

Vorsicht vor den Alpha-Männern

Rüdiger Suchsland 09.01.2008

Mutantenstadl: „I am Legend“ bietet Metaphysik für die Nuller-Jahre

Wieder so ein Film, der wirkt, wie sein eigenes Computerspiel: „Du bist allein in New York. Die ganze Menschheit ist durch einen schrecklichen…“ Ganz allein auf der Welt – wer hätte sich das nicht schon mal vorgestellt. In seinen besten Momenten spielt „I am Legend“, die Verfilmung des gleichnamigen, 1954 veröffentlichten Romans Richard Matheson mit beiden, der verführerischen wie der panikerregenden Seite dieser Phantasie. Doch zumeist ist dies ein recht konventioneller, zunehmend ärgerlicher SF-Thriller, der Mathesons aufregendes Szenario in ein allzu cleanes, allzu zeitgemäßes Stück reaktionärer Ideologie verwandelt.

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Bild: Warner Bros.

Emma Thompson – wer glaubt, sie zu sehen, der täuscht sich nicht. Allerdings nur 45 Sekunden lang dauert ihr Auftritt ganz zu Beginn des Films, und sie wird später dafür nicht einmal im Abspann erwähnt – vielleicht auf eigenen Wunsch, was man verstehen könnte. Dabei ist dieser Auftritt nicht ganz unwichtig, schließlich spielt Thompson jene Krebsforscherin Dr. Alice Krippin, mit der alles anfängt. Eine Therapie für Krebs sollte es werden im Jahr 2009, zu einem „Retrovirus“ ist dies geworden, der außer Kontrolle geraten ist und binnen kürzester Zeit den größten Teil der Menschheit ausgerottet hat – dies ist die Ausgangssituation zu Francis Lawrence‘ Science-Fiction-Thiller „I am Legend“.

Zugrunde liegt der gleichnamige Roman des US-amerikanischen Science-Fiction und Horror-Autors Richard Matheson (geboren 1926). Matheson ist einer der wichtigsten lebenden Genre-Autoren, und neben mehreren Romanen und zahlreichen Kurzgeschichten ist er auch Übersetzer Edgar Allen Poes und, nicht zuletzt, Drehbuchautor fürs US-Kino. Unter anderem schrieb er Steven Spielbergs legendären ersten Spielfilm „Duel“. „I am Legend“, eine seiner ersten Arbeiten, die 1954 seinen Ruhm begründete. Es blieb auch eines seiner bekanntesten Bücher und sicher sein einflussreichstes.

Auf das Buch beruft sich nicht nur Stephen King, sondern auch George A. Romero, der hierin die Inspirationsquelle – „basically a rip-off of the Richard Matheson novel“, meint er – für seinen all-time-Zombiehorror-Klassiker „The Night of the Living Dead“ und all seine Fortsetzungen fand. Dazu gehören nicht zuletzt Danny Boyles „28 Days Later“. Und man versteht es, denn das Buch ist großartig.

Zweimal wurde „I am Legend“ noch direkter verfilmt: 1964 in „L’ultimo uomo della terra“/“Last Man on Earth“ mit Vincent Price, zu dem Matheson unter Pseudonym das Drehbuch schrieb, und 1971 mit „Der Omega-Mann“: Charlton Heston in der Hauptrolle. Jetzt also die dritte Verfilmung. Bizarrerweise trägt ausgerechnet sie, obwohl der Vorlage am fernsten, erstmals den Originaltitel. Und das ist das erste, was man über [extern] „I am Legend“ feststellen muss: Matheson-Fans und alle, die eine relativ getreue Verfilmung der Vorlage erwarten, dürften schwer enttäuscht sein.

Das postapokalyptische Ausgangsszenario ist so simpel wie verlockend: Nach dem eingangs erwähnten Tod der meisten Menschen ist Robert Neville (Will Smith), einst Virologe im Dienst der US-Armee und aus unklaren Gründen immun, vermutlich der einzige gesund Überlebende der Menschheit. Ansonsten gibt es noch Menschen, die sich vom Virus infiziert, in blutrünstige, lichtscheue Monster verwandelten, in Zombie-artige Nachtwesen, die Neville nun nach dem Leben trachten. Bei Tageslicht können sie ihm nicht gefährlich werden, nachts verbarrikadiert er sich in seinem Haus in Greenwich Village.

Home alone: Will Smith, allein zu Haus

Dieses Szenario ist Traum und Alptraum zugleich. Traum, weil Neville das ganze menschenverlassene New York allein gehört. Tagsüber streift er wie ein Jäger durch die Straßen, schießt Wild, pflanzt Mais im Central Park holt sich DVDs aus einem Laden um die Ecke. Auf einer Straßenkarte markiert er die Wohnblöcke, die er systematisch durchstreift, und die Häuser nach Verwertbarem durchsucht. Auf einem alten Flugzeugträger schlägt er Golfbälle durch die Straßen. Auf dem Landungssteg des South Street Seaport findet er sich täglich um 12 Uhr ein, weil er auf Radiofrequenzen eine Nachricht an etwaige Überlebende sendet, denen er diesen Treffpunkt angegeben hat.

Bild: Warner Bros.

Und sein wunderbares (Traum-)Haus wirkt wie eine Mischung aus Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt und der Kommandobrücke des Captain Nemo: Ausgestattet mit eigenem Labor, allerlei Computern, unterschiedlichsten Medien, Konservendosen für die nächsten Jahrzehnte, Stromaggregaten, fließend Wasser und diversen Sicherungsanlagen für den Fall eines Zombieangriffs, vor allem aber edlen Designermöbeln und sündteuren Kunstwerken aus dem offenbar von Neville geplünderten Museum of Modern Art, ist dies eine einzige Allmachtsphantasie. Ein bisschen erinnert das alles an eine moderne Version von Robinson Crusoe. Oder auch an „Home alone“, statt Kevin nun eben Will Smith, allein zu Haus.

Die Alptraumseite kennt man auch aus Robinson: Zunächst die nagende Einsamkeit, wobei Neville im Vergleich zu Robinson allerdings recht zivilisiert ist. Nicht nur das er sich täglich rasiert, und wie ein guter Amerikaner Sport treibt, nicht raucht und trinkt, sondern auch dass er seine Sprache nicht verlernt. Von Anfang an hat er nämlich einen Begleiter, mit dem er reden kann. Der heißt statt Freitag Blondie, pardon: Sam, ist weiblich und allerdings ein supertreuer und verständiger deutscher Schäferhund, weshalb das Gespräch etwas einseitig bleibt.

Daran, dass Neville auch mit Schaufensterpuppen redet, und die DVDs nach Ansicht jeden Morgen in den Laden zurückbringt, erkennt man, dass der Wahnsinn bei ihm nicht mehr so weit weg ist. Hinzu kommen natürlich die Zombies, die allerdings bislang nicht wissen, wo Neville wohnt und zwar nachts fürchterlich wölfisch heulen, aber drei Jahre lang keine große Gefahr werden.

Robinson Crusoe trifft „Warten auf Godot“

So weit die tatsächlich faszinierende Ausgangssituation, die Stärke des Films. Großartig sind einige Bilder des menschenverlassenen Manhattan: Mit Pflanzen überwucherte Straßen, Wild, das in die Stadt zurückkehrt, atemberaubende Bilder von ikonischer Kraft. Sie sind sichtbare Relikte der Katastrophe, die sich ereignete, und zeigen eine leere Welt, die zum – so wörtlich „ground zero“, zur Wüste geworden ist, aber eben auch zu einer neuen Frontier, einem leeren, potentiell zu erobernden und zu zivilisierenden Land.

Am spannendsten, filmisch schönsten: Die absolute Stille in „the city that never sleeps“. Wissenschaftlich ist es mit all dem wohl eher nicht so weit her; Wissenschaftler haben bereits argumentiert, einerseits sei so etwas gar nicht möglich, wenn New York aber mal tatsächlich menschenleer sei, sähe es anders aus.

Aber das sollte man dem Film nicht ankreiden. Ebenso wenig – bis auf unerträgliches Product-Placement – dass er die Vorlage modernisiert und erheblich verändert hat: In Mathesons Geschichte wird die Krankheit durch Bakterien übertragen und die infizierten Menschen verwandeln sich in Vampire. Diese Vampire werden im Film zu haarlosen Zombies. Ob man sie aber wirklich derart sichtbar computeranimieren und gollumisieren – also Peter Jacksons Gollum (vgl. [local] Tolkien reloaded) nachäffen – musste? Auch auf die kitschigen Flashbacks, die erzählen, wie Nevilles Familie bei der Evakuation umkam (und im entscheidenden Moment abblenden, also doch nicht erzählen), hätte man besser verzichtet.

Bild: Warner Bros.

Auch auf die vielen in sich unlogischen Momente: Auf was reagieren eigentlich die Zombies? Gut vampirüblich auf Blut oder auf Geräusche? Letzteres scheint zunächst keineswegs der Fall zu sein, dann, als die Zombies Nevilles Haus stürmen, eben doch. Wenn Neville in die Falle der Zombies geht, darf er in diese Falle im Grunde gar nicht gehen, denn sie sieht seiner eigenen zu ähnlich. Wer ist dieser Neville überhaupt? Auf einem Cover von „time magazine“, das an seinem Kühlschrabk hängt, kann man lesen: „soldier, scientist, savior.“ Onward christian soldier. Ist er Jesus? Der Retter der Menschheit? Und so weiter. Auch technische Schwächen, etwa die lächerlichen Computeranimationen überraschen und wirken unfreiwillig lachhaft.

Andererseits lässt das anfängliche Tempo schnell nach, so dass der wieder dynamische Showdown am Schluss aufgesetzt wirkt. Der Film schleppt sich über weite Strecken eher träge dahin, wirkt langweilig und konturlos. Robinson Crusoe trifft „Warten auf Godot“.

Forscher-Mann und Frau-Objekt

Weitaus schwerer wiegt aber, dass der Film die ganzen interessanten Ansätze der Vorlage völlig fallen lässt. Im Roman ist es so, dass Neville erkennt, dass, wenn alle Vampire sind, nicht sie, sondern er das Monster ist und sich tötet. Hier fehlt so viel amerikanische Selbsterkenntnis. Die Welt ist fein säuberlich in Gut und Böse geteilt, und im Gegensatz zum Roman und den zwei früheren Verfilmungen kommt es zu gar keinem direkten Kontakt, zu keinem Austausch und Kommunikation zwischen Neville und den Monstern, die weder eine Gattungsbezeichnung noch Namen haben. Auch „Zombies“ werden sie nicht genannt, erst im Nachspann ist vom „Alpha-Mann“ und seinesgleichen die Rede. Diese Zombies grunzen, bewegen sich rasant schnell, fressen Menschenfleisch,

Trotzdem treten sie auch als Persönlichkeiten in Erscheinung. Denn in einer Szene fängt Neville einen Zombie, der sich als ein „Weibchen, vermutlich 18-21 Jahre alt“ herausstellt und einen bei aller Zombiehaftigkeit doch erstaunlich wohlgeformten Körper hat. Mit diesem Ekel-Girl macht Neville nun im dunklen Forscherkeller seines Hauses, dass hier besonders an Nemos perfekt eingerichtete „Nautilus“ erinnert, allerlei Experimente: Experimente am lebenden Menschen zum guten Zweck, zum Nutzen der Wissenschaft, um nämlich die Zombies zu kurieren – aber davor sterben viele.

Bild: Warner Bros.

Das Bild des dem Forscher-Mann zur freien Verfügbarkeit ausgesetzten hübschen Frau-Objekts ist aber ganz offenkundig doppelt zu lesen, nicht nur als Pathos eines menschheitsrettenden Wissenschaftsspiels ohne Grenzen, sondern auch als Männerphantasie. Man kann sich Milla Jovovitch in „The 5th Element“ in Erinnerung rufen. Nur bleibt die Phantasie hier völlig vage, unausgesprochen, unverfänglich. Der Film traut sich nicht, was das Buch sich in den 50ern traute.

Hier nun kommt der „Alpha-Mann“ ins Spiel. Denn erstmals sieht man ihn in dem Moment, in dem Neville das Weibchen fing. Da reagiert er offensichtlich eifersüchtig und liebeskrank – die folgenden, mit ungeahnter Aggressivität und gleichzeitiger List vorgetragenen Angriffe der Zombies auf Neville sind also Verbrechen aus Leidenschaft, Taten eines Liebeskranken, die vor Gericht unbedingt mildernde Umstände beanspruchen können. Wenn Neville ausgerechnet in diesen Momenten in sein digitales Tagebuch notiert: „Social de-evolution appears to be complete.“ ist dies eine glatte Lüge oder die Gefühlblindheit des kalten Wissenschaftlers: Der Alpha-Mann wird genau durch diese Gefühle menschlich – und gefährlich.

Visuell gibt es weitere, ganz fragwürdige Anklänge: Denn von fern ähneln die Zombies – und das passt dann sogar zu Mathesons Vorlage, die Konsequenz allerdings nicht – tatsächlich KZ-Opfern. Man könnte also schlagzeilen: „Blondie und sein Herrchen, von KZ-Opfern gejagt“, aber wir wollen ja nicht immer mit der „Faschismuskeule“ (Martin Walser) auf gutamerikanische Filme einschlagen.

Der Film passt perfekt in unsere Zeit, genauer: zu den ideologischen Mustern des Spektrum rechts von der Mitte. Er illustriert den bekannten Sicherheitswahn von Bush bis Schäuble, ist sozusagen der symbolische Form der „homeland security“ und der Sicht auf das Leben als einen Überlebenskampf, auf die militante Angst und Gegenwehr gegen die „Intruder“, die Eindringlinge, die vermeintlich das Heim des guten Amerikaners bedrohen, und sei er der letzte auf Erden. Und er kann Hoffnungslosigkeit nicht aushalten. Darum wird der Handlung ein irgendwie hoffnungsvolles Ende angedichtet. Und dem Selbstopfer Nevilles ein Sinn.

Arche-Noah-Mythos

Dazu trägt wesentlich die religiöse Metaphorik bei, die im Laufe des Films immer stärker wird: Lange schon wimmelte es von Schmetterlingen und anderen kleinen Verweisen. Der ganze Ton ändert sich, als hollywoodtypisch der beste Freund des Helden – hier also der Hund – stirbt. Schon vorher verhält sich Neville überaus unlogisch, ballert grundlos durch die Gegend, auf Schaufensterpuppen – seine Handlungen lassen sich schon hier nur als Ausdruck zunehmenden Wahnsinns verstehen.

Bild: Warner Bros.

Als Sam dann einen tränengetränkten Tod erleidet, …mehr

Quelle:http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27024/1.html
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