„Leuchtende Augen“

Andreas Eschbach im Interview.
Der Science-Fiction-Autor Andreas Eschbach hält den Klimawandel für die Rückkehr zur Normalität, glaubt an den Sinn von Mondstationen und die Zukunft der Solarenergie.

WirtschaftsWoche: Polkappen schmelzen, Eisbären schwitzen: Der Klimawandel war das große Thema des Jahres 2007. Was glauben Sie, was wir in 25 Jahren darüber sagen werden?
Eschbach: Warten wir ab – vor 25 Jahren hieß es, die nächste Eiszeit steht bevor. Die Eisbären hat man damals schon nach Deutschland wandern gesehen. Klar – dass sich das Klima wandelt, daran kann es wohl kaum noch einen Zweifel geben. Aber bei all den Diskussionen um unseren CO2-Ausstoß muss ich immer an ein Schaubild denken im Oceanopolis in Brest. Das zeigt die Kurve der globalen Durchschnittstemperaturen der letzten Jahrhunderttausende, wie man sie aus Bohrungen in der Antarktis oder fossilen Baumringen rekonstruiert hat: Danach hat sich die Menschheitsgeschichte seit Mesopotamien in einer Periode eher unterdurchschnittlicher Temperaturen abgespielt, und eine globale Erwärmung wäre einfach die Rückkehr zu normalen Verhältnissen. Pech für uns.

Aber für Sie kein Grund zur Sorge?

Zumindest halte ich die Frage für berechtigt, was denn die früheren Erderwärmungen ausgelöst hat – lange bevor es Menschen und ihre Autos und Kraftwerke gab. Ich würde einfach gerne wissen, was der Unterschied zwischen damals und heute sein soll. Aber man erklärt es mir nicht. Stattdessen wird man, wenn man danach fragt, als uneinsichtiger Depp hingestellt, der sich vermutlich mit George W. Bush zum Brezelessen trifft. Da spielt ganz viel Ideologie mit – das Gegenteil von Naturwissenschaft also. Solange das so ist, würde ich eher darauf setzen, dass man in 25 Jahren sagen wird: Weißt du noch, damals glaubten wir alle, uns steht der Hitzetod bevor.

Der Schwabe Eschbach mit dem Texaner Bush beim Brezelessen – eine amüsante Vorstellung. Was würden Sie ihm sagen?

(lacht) Auf jeden Fall, dass er aufpassen soll, sich nicht an der Brezel zu verschlucken. Abgesehen davon bezweifle ich, dass es viele Punkte gäbe, bei dem jeder von uns wüsste, wovon der andere spricht.

Na ja, vielleicht könnten Sie sich mit ihm ja über die Raumfahrt verständigen. Bush will zum Mond zurück, um von dort aus den Mars zu erobern. Erleben wir in 25 Jahren die erste Landung auf dem Mars?

Vielleicht. Wobei ich es nicht für ausgemachte Sache halte, dass die ersten Menschen auf dem Mars Amerikaner sein werden. Dazu haben alle Ankündigungen doch zu sehr den lauwarmen Charme von Revival-Veranstaltungen. Ich glaube, es werden diesmal doch eher die Chinesen sein, die das durchziehen.

Werden die Chinesen auch als Erste den Mond dauerhaft besiedeln?

So etwas ist im Wesentlichen eine wirtschaftliche Frage. Schon der dauerhafte Unterhalt extraterrestrischer Campinganlagen wie der ISS ist extrem teuer; eine dauerhaft bemannte Mondstation – für die es gute Argumente gäbe, vor allem, wenn sie auf der erdabgewandten Seite des Mondes läge – käme noch weitaus kostspieliger. Wobei wir uns das auf der anderen Seite alles problemlos leisten könnten, wenn wir mit dem blöden Waffenbauen aufhören würden.

Was würde uns denn eine Station auf der dunklen Seite des Mondes bringen?

Der größte Vorteil der erdabgewandten Seite des Mondes ist, dass man dort von der Erde nichts sieht, hört oder empfängt. Ein Radioteleskop könnte fast beliebig groß sein – wegen der geringen Schwerkraft des Mondes – und bliebe ungestört von allen irdischen Fernsehsendungen, Telefonnetzen, Funksignalen, Radarimpulsen und sonstigen elektromagnetischen Verunreinigungen des Äthers. Radioastronomen bekommen bei diesem Gedanken leuchtende Augen.

Was würde der Radioastronom vom Mond aus denn hören? Botschaften aus anderen Sonnensystemen?

Ja, im Idealfall die Fernsehsendungen, Telefonnetze, Funksignale, Radarimpulse und sonstigen elektromagnetischen Verunreinigungen einer anderen galaktischen Zivilisation. Das wäre der wissenschaftliche Jackpot.

Im Moment planen etliche Unternehmen Weltraumflüge für jedermann. Werden die in 25 Jahren so selbstverständlich sein wie heute ein Flug über den Atlantik?

Darauf würde ich nicht wetten. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass in 25 Jahren Flüge über den Atlantik keineswegs mehr selbstverständlich sein werden – weil uns der Treibstoff dafür ausgeht.

Hätten Sie denn Lust selbst zum Mond oder gar zum Mars zu fliegen?

Wenn Sie mich das vor 25 Jahren gefragt hätten, hätte ich sofort Ja gesagt. Inzwischen finde ich Reisen per Flugzeug oder im Auto zunehmend beschwerlich. Die einzigen Verkehrsmittel, in die ich einigermaßen gern einsteige, sind solche, die auf Schienen laufen.

Das klingt aber komisch: Der Autor, der sich in seinen Büchern mit Zukunft beschäftigt, setzt bei der Mobilität auf ein Gefährt aus dem 19. Jahrhundert.

Das Entstehungsdatum einer Erfindung ist ja kein Qualitätsmaßstab. Ich sitze beispielsweise auch lieber auf einem klassischen Stuhl als jeder Wipp-, Knie- oder sonstigen Alternative, die im 20. Jahrhundert erfunden wurde. Darüber hinaus assoziiere ich einen modernen ICE nicht mit der Dampflok des 19. Jahrhundert. Mal ehrlich: Fliegen ist doch eine Zumutung!

S.2…mehr

Quelle: http://www.wiwo.de/pswiwo/fn/ww2/sfn/buildww/id/133/id/334421/fm/0/artpage/1/artprint/0/SH/0/depot/0/index.html
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